Sonntag, 7. Februar 1897 (Nr. 6)
(Zu den Bildern auf Seite 2, 3 und 4.)
Unter den großen Bauwerken, die gegenwärtig in Wien ihrer Ausführung entgegengehen, nehmen die Arbeiten an dem Wienfluß eine doppelt wichtige Stellung ein, gilt es doch, das odiose Flüßchen zu verbauen und in seinem Bette zugleich die wichtigste Linie der Stadtbahn zu schaffen. Seit Langem ist das weit hingestreckte Flußbett, das sich vom Donaucanal bis nach Preßbaum hinzieht, die Stätte fleißiger Arbeit, und eine wahre Umwälzung hat die Wienfluß-Regulierung, sowie der Stadtbahnbau darin in den angrenzenden Straßen hervorgerufen. Zunächst fiel die ganze linke Häuserzeile der Magdalenenstraße, dann die Parkanlagen am linken Wienfluß-Ufer, und auf der rießigen Arbeitsstrecke regen sich tausend fleißige Hände, um das große Bauwerk zu vollenden.
Wir dürfen diese Wiener Großthat nicht vorübergehen lassen, ohne derselben in Wort und Bild zu gedenken, und so haben wir denn eine Reihe von photographischen Aufnahmen anfertigen lassen, in denen wir den heutigen Stand der Arbeiten und das Bild der einzelnen Wienfluß-Partien festgehalten haben, das nur zu bald aus dem Gedächnisse der Zeitgenossen entschwinden wird. Das unsaubere, mehr als bescheidene Flüßchen von einst wird verschwinden, und an der Stelle, wo früher das schmale Wasserband sich träge hinzog oder die schmutziggelben Fluthen der Hochwasser des Wienerwaldes dahinrauschten, wird die Stadtbahn ziehen, ein Bild der neuzeitlichen Entwicklung unseres Wien neben dem in sein neues, glattes Bett gezwängten Flüßchen.
Außerhalb des Weichbildes der Residenz hat man großartige Schleusenanlagen und Reservoirs erbaut, welche bei Hochwasser das Uebermaß der eindringenden Fluthen in sich aufnehmen werden, und welche es verhüten, daß der Fluß sein normales Bett überschreitet und etwa den Bahnkörper unter Wasser setzt. Große Baggermaschinen sind an den Ufern außerhalb Penzings aufgestellt, welche die Regulierung des Flußbodens besorgen, und rießige Dampfhämmer stehen allenthalben aufgerichtet, um Piloten in den Boden zu schlagen. Unsere beiden Bildchen zeigen je eine solche Anlage.
Unsere vier großen Bilder, denen nächstens eine wietere Serie folgen wird, zeigen das heutige Bild des Wienflusses, dessen Lauf wir in einer Art von Abschiedsvisite von der Mündung bis außerhalb des Weichbildes der Residenz verfolgen. Langsam und träge wälzt der Fluß wie in Todesahnung seine Wässer in den Donaucanal; der steinerne Sporn, den so viele Hochfluthen umrauscht, steht in seiner Höhe da und sieht zu seinem Flüßchen das trübe, schlammige Wasser vorüberströmen. Vor der Stubenthorbrücke weitet sich der tiefe Einschnitt, und ein geradezu stimmungsvolles Bild zeigt sich dem Beschauer. Ziemlich breit strömt der Fluß dahin, einige mächtige Bäume zieren die beiden Uferdämme, links, wo einst die Stubenthormühle gestanden, steht das kleine Maschinenhaus für die Beleuchtungsanlage des Eislaufplatzes, und den Hintergrund schließen die massigen Steinpfeiler der alten Brücke ab, die von der Stadt nach der Landstraße führt.
Hinter der Brücke beginnt der Stadtpark, der sich auf der rechten Seite mit seinem herrlichen Waldbestand den Fluß entlang dahinzieht, während links die Regulierung der Straße die Cassirung der Parkanlagen erforderte. Inmitten der Stadtparkes übersetzt die Carolinenbrücke den Wienfluß, von der man einen entzückenden Ausblick auf das geradezu idyllisch sich dahinziehende Waldthal genießt.
Weiterhin schließt sich die Schwarzenbergbrücke an, von wo aus zur Schaffung eines großen, neuen Platzes die Ueberwölbung des Flusses erfolgen wird, und in dem Kranz von herrlichen Bauwerken - der Karlskirche, dem Musikvereinsgebäude, Künstlerhaus und der Handelsakademie - wird eine Redute entstehen, die Wien um einen imposanten, herrlichen Platz reicher machen wird.
Unterhalb der Elisabethbrücke mit ihren populären Standbildern sieht man eifrig arbeiten, und Fond des Einschnittes rollen die zierlichen Locomotiven der Materialbahn dahin, und wir sehen den Damm entstehen, auf welchem die Stadtbahn künftig fahren wird. Einige Meter tiefer ist das regulirte Flußbett zu sehen, das auch viel säuberlicher aussehen wird, als es bisher der Fall war, und wandert man weiter hinauf, so gewinnt man immer deutlicher das Bild der Zukunft, das hier unter eifriger Arbeit ersteht. Tag und Nacht wird hier geschaffen, und es gewährt einen eigenen Reiz, die vielfachen Erdarbeiten, die Wasserableitungen, das Pilotenschlagen und die Steindammbauten zu betrachten, die mit Rießenkräften gefördert werden, um halb fertig zu erstehen. Je weiter man in den sechsten Bezirk vorschreitet, desto verworrener wird das Bild, desto eifriger pusten die Maschinen, hasten die Arbeiter und dröhnen die Hämmer. Die Dämme wachsen rasch aus dem Flußgrunde empor, und man kann schon mit ziemlicher Deutlichkeit das Bild der zukünftigen Gestaltung der Stadtbahn und des Wienflusses aus dem Wirrwarr, der dort herrscht, entnehmen. Im ehemaligen Gaudenzdorf macht das Wienflußbett nahe der Gasfabrik eine starke Biegung, so daß man gezwungen wat, um nicht einen ganzen Häuserblock zu untergraben, einen kurzen Theil der Bahnstrecke außer dem Flußbette als Hochbahn zu führen, für welche die Viaductbogen bereits fertiggestellt sind.
Unsere nächste Bilderserie bringt die weiter sich anschließenden Partien des Wienflusses, welche in ihrer Gesammtheit ein Souvenir an den verschwindenden flüssigen Namensbruder unserer schönen Kaiserstadt bilden werden.
(Zum Bilde auf Seite 1.)
Es hat lange gedauert, bis Wien in den Besitz des modernsten aller großstädtischen Verkehrsmittel gelangt ist, bis es eine elektrische Straßenbahn erhalten hat. Seit dem 28. Januar 1897 rollen die Waggons der elektrischen Bahn durch die Straßen Wiens, allerdings vorerst nur auf der Linie Praterstern-Wallgasse, aber diese Linie durchzieht einen so ausgedehnten Theil der Residenz, daß zahlreiche Bezirke der Vortheile und Annehmlichkeiten derselben theilhaftig werden.
Man hat die wohlfeilere Art des Betriebs, die mit oberirdischer Leitung, gewählt, für welche seit Monaten die Tragsäulen und Wandhälter aufgestellt wurden, und die ganze Strecke ist von “Luftschienen”, wie der Wiener Witz die Leitungsstangen benannt hat, durchzogen. An diesen Schienen läuft eine Rolle, welche mittelst einer Stange den elektischen Strom in den Waggon, respective in dessen Motor leitet, der ein ganz respectable Schnelligkeit zu entwickeln im Stande ist. Die überaus eleganten Waggons haben auch elektrische Beleuchtung, und zur Ausnützung der elektromotorischen Kraft erhält er einen Beiwagen angekoppelt, so daß auf dieser Strecke nunmehr veritable Züge verkehren. Die Fuhrwerker und die Pferde haben sich rasch an das neue Vehikel gewöhnt, und der Verkehr wickelt sich glatt und unbehindert ab, trotzdem der elektrische Zug um Vieles schneller geht und die Strecke von dem schweren Fuhrwerk ungemein stark frequentiert wird. Die erste elektrische Tramwaylinie dürfte bald die Einführung dieses Systems auf allen anderen Strecken zur Folge haben, und Wien wird dann, wenn auch etwas spät, seine elektrische Straßenbahn haben.
Unser Titelbild zeigt die Station in der Wallgasse bei Schluß der Vorstellung im Raimund-Theater. Aus dem hell erleuchteten Gebäude stromt die Menschenmasse heraus, und im Nu sind die dort harrenden Waggons der “Elektrischen” gestürmt und gefüllt. Es ist ein wahrhaft großstädtisches und lebendiges Bild, das sich dort allabendlich entwickelt, und elektisches Lich, sowie elektrische Triebkraft zeigen uns im blendendem Glanze den Triumph unseres Jahrhunderts.
Lebensbild von Hans tom Kyle.
Die Gesamtzahl der jährlich verausgabten Zeitungen ist nach einer neueren Statistik auf etwa 12.000.000.000 Exemplare zu schätzen. Um sich einen Begriff von dieser ungeheueren Menge machen zu können, sei nur erwähnt, daß man mit diesen Zeitungen eine Fläche von 30.000 Quadrat-Kilometer bedecken könnte. Das Papiergewicht beträgt 781.240 Tonnen. Sollte diese Auflage von einer einzigen Maschine gedruckt werden, so würde die Gesammtauflage, wenn pro Sekunde eine Zeitung gedruckt würde, nach 333 Jahren endlich erscheinen können. Aufeinandergeschichtet würden dieselben die respectable Höhe von rund 80.000 Meter erreichen. Angenommenm, der einzelne Mensch widme dem Lesen seiner Zeitung nur fünf Minuten pro Tag, so würde die Zeit, welche von der Gesamtbevölkerung der Erde zum Lesen ihrer Zeitung pro Jahr verbraucht wird, gleich sein 100.000 Jahren.
Aus New-York wird berichtet: Fingerhüte weiblicher Berühmtheiten zu sammeln, bildet den neuesten Auswuchs der Sammelwuth.
So besitzt Frau Vanderbilt in New-York unter Andern den Fingerhut der “ausgezeichneten Schneiderin” der Königin Elisabeth von England; ferner einen Fingerhut aus den früheren Mädchenjahren der Königin. Dieser besteht aus Silber, zeigt die Spuren fleißiger Benützung und ist sehr klein. Ein sehr viel gebrauchter Fingerhut derselben Sammlung gehörte einst der Prinzessin Alice von England, späteren Großherzogin von Hessen. Dieser Fingerhut ist ein besonders schönes Exemplar, aus Gold und Edelsteinen, und stammt von der jetzigen Prinzessin von Wales her.
Mit Illustrationen.
Eine am bester Nationaltheater thätige Schauspielerin sandte kürzlich eine ihr zuertheilte Rolle mit der Bemerkung an die Direction zurück, “daß sie so schlechte Rollen nicht spiele”. Die erste Tragödin des dortigen Theaters scheint noch rabiater zu sein, denn sie bot einem Dichter die volle Tantieme eines Abends, enn er sein zur Aufführung angenommenes Drama zurückziehen wollte.
(Zum Bilde auf Seite 10.)
Eine Kunde des Schreckens durcheilte in der vergangenen Woche alle Gaue des Reiches: die proletarische Bewegung, die so mächtig ihre Schwingen regt, hat wieder eine Reihe von Opfern gekostet. Mit den Bergarbeitern von Anina in Südungarn, deren Genossen erst vor drei Wochen von einer furchtbaren Katastrophe heimgesucht wurden, bei der über 60 Arbeiter ihr Leben in den Schächten der Kohlengruben verloren, gährte es seit damals gewaltig, und die Erbitterung hierüber erwuchs noch bedeutend, als bekannt wurde, daß die Direction der Werke eben zu diesem unglücklichen Zeitpunkt beschlossen hatte, die Bruderlade und das Pensionsstatut zu Ungunsten der Arbeiter zu verändern.
Bisher hatten die Arbeiter nach 30 Jahren Anspruch auf volle Pension und die Witwen einen solchen auf zwe Drittel des bezogenen Lohnes; nach der neuen Verfügung sollen die Arbeiter erst nach 40 Jahren die Pensionsberechtigung erlangen und die Witwen nur auf die Hälfte des Lohnes Anspruch haben. Wenn man bedenkt, daß die Grubenarbeiter bei ihrer unendlich mühsamen und gefahrvollen Arbeit nur sehr selten über 30 Jahre Dienstzeit kommen, muß man die getroffene Verfügung als unendlich hart, ja fast unerträglich bezeichnen, und es war kein Wunder, daß die Arbeiter sich dagegen auflehnten und in den Streik traten.
Bedauerlicherweise ließen sich aber die erregten Arbeiter zu drohenden Schritten gegen die Werksdirection hinreißen. Die Streikenden zogen am 20. Januar vor das Amtsgebäude der Direction, um den Ansprüchen der Massen durch Erscheinen mehr Nachdruck zu verleihen. Die entsendete Deputation erhielt eine ablehnende Antwort, welche die herrschende Erregung bis zur Wuth steigerte, und die Menge begann mit Steinwürfen die Fenster des Directionsgebäudes zu demoliren, was das kleine Aufgebot von Gendarmerie nicht zu verhindern im Stande war. So geschah das Schreckliche. Ein Steinwurf verletzte den Gendarmerie-Lieutenant, dieser fiel um, und der Wachtmeister, der nunmehr das Commando übernahm, ließ auf die Menge feuern. Ein Wehschrei aus tausenden Kehlen folgte der Salve, und in ihrem Blute lagen fünf männliche Arbeiter und drei Frauen todt, während mehr als ein Dutzend schwer verwundet wurde. Die Menge stob im Nu auseinander, die Verwundeten mit sich fortschleppend, nur die Leichname, sowie die Schwerverwundeten blieben auf dem Platze liegen, bis eine polizeiliche Commission kam, die den traurigen Thatbestand aufnahm.
Die Katastrophe hat die Arbeiterschaft furchtbar gereizt, und der Streik greift nunmehr weiter um sich, das Ganze Gebiet von Steierdorf, Anina und Umgebung umfassend. Die Reihe der Opfer der proletarischen Bewegung ist um eine große Zahl reicher geworden, und der große Kampf tritt durch solche Zwischenfälle in ein Stadium, das die Lösung der sozialen Frage zu einer immer schwierigeren macht.
Das Kartellwesen. An einem Kartell wird gearbeitet, das andere geht in die Bürche - das ist die Ordnung im Alphabet. Wie anständigerweise über das Kartell gedacht werden muß, das braucehn wir des Weiteren nicht zu erörtern. In idem Lehrbuche der Nationalökonomie kann man ein Langes und Breites über das Wesen und die Wichtigkeit der Konkurrenz bei der Preisbildung der Waaren nachlesen. Das Kartell stellt aber das Ganze auf den Kopf. Da vereinigen sich die wenigen Produzenten und machen unter sich aus, dap der Konsument die Waar e so und so bezahlen müsse, und dem bleibt zu thun nichts Anderes übrig. Ein solches Unternehmen, aber um das Kind beim richtigen Namen zu nennen, ein solches Unterfangen bereiten jetzt eben die Tafelglasfabrikanten vor. Glücklicherweise pflegen unter den Kontrahenten auch hie und da Mißhelligkeiten zu entstehen, sie können sich über die Theilung der Beute nicht verständigen, streiten sich herum, und die ganze Geschichte geht dann in die Brüche. Ein solches Prachtexemplar ist das Petroleumcartell. Es entstehen da immer neue Raffinierien, und auch sie wollen dabei sein, wenn die Millionäre die armen Näherin in Contribution setzen. Dann ist der Streit fix und fertig, und das Kartell geht in die Brüche. Zeitweise beginnt dann ein Kampf, das Petroleum geht wenigstens en gros im Preise zurück, im kleinen Konsum verspürt man nichts, und dann - nun dann, wenn einige Zeit wieder verstrichen ist, kommt das bekannte Wort zur Geltung: “Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!” Es scheint ja doch klüger, für seinen Geldsack zu sorgen, als sich herumzubalgen. Aber wo bleibt die staatliche Aufsichtsbehörde, die solche direct schädigende Kartelle ohneweiters zuläßt?
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